„Scheiß Neger!“

Seit 7 Jahren spiele ich mittlerweile mit dem Heidelberger SC in der Kreisklasse Fußball gegen die unterschiedlichsten Gegner. In dieser Zeit habe ich alle möglichen Beschimpfungen anhören müssen – und natürlich auch ausgeteilt. Die Provokation des Gegenspieler ist ein grundlegender Bestandteil meiner Spielweise, Beleidigungen oder gezielte Fragen nach dem verwandschaftlichen Verhältnis der Eltern gehören für mich zum guten Ton. Zumeist kann man nach dem Spiel mit seinem Gegenspieler darüber lachen, im schlimmsten Fall verweigert er einem den Handschlag. Einen Fair-Play-Preis werde ich wohl trotzdem nie erhalten.

In all den Jahren habe ich mir immer wieder mal überlegt, wie ich eigentlich reagieren würde, wenn ein Mitspieler von mir rassistisch beschimpft werden würde. Aufgrund meiner Erziehung, meiner politischen Sozialisation, aber auch einfach aufgrund meines gesunden Menschenverstandes sind für mich rassistische, antisemitische oder islamophobe Beschimpfungen auf oder neben dem Platz ein absolutes No-Go. Ich habe mir verschiedene Szenarien ausgemalt, wie ich mit einem derartigen Vorfall während des Spiel umgehen würde, mir aber in jedem Fall vorgenommen, cool zu bleiben und nicht sofort durchzudrehen – ungeachtet der Tatsache, dass mir Hitzkopf dies niemals gelingen würde. Letztlich war ich froh, dass ich in meiner bisherigen Laufbahn so etwas nie erleben musste. Am vergangenen Donnerstag hat sich dies geändert.

In der 75.Minute des Spiel Heidelberger SC II gegen den VfB Wiesloch II beschimpfte der Wieslocher Spieler Ismaili Besnik meinen dunkelhäutigen Mitspieler Tapiwa Meda nach einem harmlosen Zweikampf als „Scheiß Neger!“. Diese Äußerung haben mehrere Spieler des Heidelberger SC klar und deutlich vernommen – und de facto müssen es auch einzelne Spieler des VfB Wiesloch mitbekommen haben,  auch wenn sie dies bestreiten, respektive sich nicht zu den Geschehnissen äußern. Dass es sich bei dem Spieler Ismaili Besnik ebenfalls um einen Menschen mit Migrationshintergrund handelt, tut überhaupt gar nichts zur Sache. Rassismus bleibt Rassismus. Glücklicherweise hat mich unser Trainer postwendend ausgewechselt – ansonsten hätte ich das Spiel definitiv nicht mit dem Schlusspfiff beendet. Meine, während der Auswechslung getätigte Äußerung in Richtung des Wieslocher Spielers, er habe gerade verdammtes Glück gehabt, kommentierte dieser nur mit einem „Halt’s Maul und verpiss dich!“. Der Schiedsrichter versicherte mir beim Hinauslaufen hingegen glaubhaft, dass er die rassistische Äußerung nicht gehört habe.

Mit Ausnahme des Wieslocher Kapitäns Kai Rupprecht distanzierte sich uns gegenüber kein Spieler oder Verantwortlicher des VfB Wiesloch von den Äußerungen des Spielers Besnik. Die allgemeine Haltung, man könne nichts verurteilen, was man nicht selbst gehört habe, ist ebenso feige wie beschämend: Als ob mehrere Heidelberger Spieler sich einen solchen Vorwurf zeitgleich einfach so an den Haaren herbeiziehen, nur um ein beschissenes Amateurfußballspiel zu gewinnen!

Die klare und deutliche Verurteilung des Vorfalls durch Spieler, Trainer und Funktionsträger des HSC, die lautstarke Empörung der Zuschauer bis hin zum Clubhauswirt oder die Tatsache, dass auf der Internetplattform fupa.net Tapiwa Meda gerade mit überwältigender Mehrheit zum Spieler des Spiels gewählt wird versöhnt mich hingegen wieder ein Stück weit und macht mich auch stolz, Teil eines Vereins zu sein, für den Toleranz, Offenheit und Zivilcourage keine Worthülsen, sondern ein zentraler Teil des Vereinslebens sind.

Gleichwohl stellt sich für mich wie auch andere Spieler die Frage, wie man mit diesem Vorfall weiter verfährt, beziehungsweise wie man sich künftig bei ähnlich gelagerten Fällen künftig verhalten soll. Die Tatsache, dass der Schiedsrichter die Äußerung nicht mitbekommen hat und sie für den Wieslocher Spieler deshalb wohl keine sportrechtlichen Sanktionen nach sich ziehen wird, ist zwar frustrierend, bietet für den Verein aber auch die Möglichkeit, außerhalb verbandsrechtlicher Vorgaben ein deutliches Zeichen gegen Rassismus und Intoleranz zu setzen. Mögliche Konsequenzen wären unter anderem ein offener Brief an den VfB Wiesloch mit der Bitte, dieses Verhalten vereinsintern zu sanktionieren, ein Hausverbot für den Spieler, sofern eine schriftliche Entschuldigung ausbleibt – bis hin zu dem Stellen einer Strafanzeige wegen Beleidigung und Volksverhetzung oder einem Spielabbruch bei künftigen, derartigen Vorfällen. Ebenfalls kann die Aufnahme eines Anti-Rassismus-Paragrafen in die Satzung des HSC-Hauptvereins das Vorgehen bei derartigen Vorfällen in der Zukunft klar und statuarisch regeln.

Allein, das Geschehene rückgängig machen kann all dies nicht. Was passiert ist, ist passiert. Und auch wenn Tapiwa verhältnismäßig cool auf den Vorfall reagiert hat, bin ich davon überzeugt, dass auch in ihm etwas kaputt gegangen ist. In seinem Bild von Deutschland, von der Fairness des Sports und dem Glauben, dass all diese rassistische Scheiße hierzulande überwunden sei. Es ist daher an uns, ein deutliches Zeichen der Solidarität, der Toleranz und der Vernunft zu setzen. Denn Rassismus ist keine Meinung – Rassismus ist ein Verbrechen!

 

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