Jahrmarkthelden

Erfolg. Es gibt drei Wege zum Erfolg:

1. Etwas herausragendes zu leisten und damit Anerkennung zu erlangen.
2. An einem Schreibtisch zu sitzen und Leute fertig zu machen.
3. Etwas völlig belangloses zu tun, um damit eine Horde von Volltrotteln zu beeindrucken.

Nach zuletzt mäßigen Erfolgen bei meiner Wochenendgestaltung habe ich mich vergangenen Sonntag für Variante 3 entschieden, um endlich wieder in die Erfolgspur zurückzufinden. Das Leben in einer Kleinstadt bietet hierfür glücklicherweise vielfältige Möglichkeiten, zum Beispiel ein Besuch auf dem örtlichen Jahrmarkt am abgelegenen Messplatz in Heidelberg-Kirchheim.

Die Stimmung dort ist mit postfaschistisch-desillusionierend recht gut beschrieben. Das spärliche Publikum trägt Jogginghose und Zuckerwatte, gibt den eigenen Kindern katastrophale Namen und tummelt sich zwischen lieblos zusammengeschmissene Kirmesständen, welche von Verkäufern betreut werden, die einen noch trostloseren Anblick bieten als ihre Kunden. Vom ersten Moment an wusste ich, dass ich hier genau richtig war.

Ein erster Profilierungsversuch am Greifarm scheiterte jedoch erbärmlich („Scheiße, das Ding macht uns fertig, man!“). Kein Problem – dies was zu erwarten. Greifarm-Roboter sind unbesiegbar. In solchen Momenten gilt es cool zu bleiben. Der ungeübte Rummelprotagonist würde in plumpen Aktionismus verfallen, sein Geld bei wilden Karussellfahrten verprassen oder sich dem animalischen Treiben an den Magenbrot-Ständen hingeben. Ich hingegen bin in einem Dorf aufgewachsen, erfahren mit den vielfältigen Herausforderungen einer Kirmessituation. In solchen Momenten stellt man sich an den Autoscooter und tut einfach gar nichts. Man wartet.

Entsprechend der Soziologie auf einem Rummelplatz zieht dieses Verhalten binnen kürzester Zeit die Aufmerksamkeit der jugendlichen Jahrmarktbesucher auf sich. Der Autoscooter ist das Herz aller Halbstarken, das Epizentrum der Hierarchiekämpfe auf einer Kirmes. Hier zu stehen ohne eine Marke für den Autoscooter zu kaufen, ist mehr als nur stumpfes Herumlungern. Es ist ein Statement. Eine Herausforderung an die anwesenden Platzhirsche. Seht her: Hier bin ich! Und ich stehe an eurem Autoscooter! Was wollt ihr dagegen tun?

Es brauchte nur wenige Minuten, bis sich meine Anwesenheit auf dem Jahrmarkt herumgesprochen hatte. Die männlichen Rummelbesucher beäugten mich erwartungsgemäß kritisch bis feindselig. Dass ich schon über 30 und Akademiker bin interessierte hier niemanden. Ob promovierter Physiker oder Hauptschulabbrecher – am Autoscooter sind alle gleich.

Es war Zeit für den nächsten Schritt. Provokant lässig ging ich einige Meter weiter zu dem obligatorischen Boxautomat. Ein kleiner, dicker Junge erklärte mir die Funktionsweise des Geräts: Ein Spiel fünfzig Cent, zwei Spiele ein Euro. Ich warf einen Euro in die Maschine. Jetzt gab es kein zurück mehr.

Ich holte aus, ein Schritt Anlauf, mit Karacho gegen den Boxsack – verfehlt. Meine Hand streifte ihn nur. 500 von 1000 möglichen Punkten. Scheiße. Die Maschine verhöhnte mich mit automatisierten Sprüchen. Selbst der kleine Fettsack machte sich über mich lustig („Ui, das war schlecht!“).

Ein Glück, dass ich einen ganzen Euro eingeworfen hatte. Zweiter Versuch. Es hatte sich mittlerweile eine stattliche Traube von jugendlichen Zuschauern eingefunden und beobachtete meine Bestrebungen, zum Kirmesheld aufzusteigen. Mit schlechten Witzen versuchte ich meine aufkommende Unsicherheit zu kaschieren. Wer sagt hier, dies sei alles nur ein Spiel? Ein Spiel, bei dem es um nichts gehe? Wer schoneimal bei einem Fußballspiel einen Elfmeter vor einer Bande von Dorflümmeln schießen musste, kann meine steigende Nervosität nachvollziehen. Jetzt wurde es ernst. Noch ein paar aufmunternde Worte von Lukas („Auf Rehm! Gib alles, man!“). Anlauf, ausholen, Schlag.

Langsam steigt die LED-Anzeige. Ein unendlich leidvoller Moment des Wartens. Es erinnert an einen Samstag Abend, wenn man Wetten dass…? ertragen muss bis endlich das ZDF-Sportstudio kommt. Dann die Erlösung: 786 von 1000 möglichen Punkten. Nicht außergewöhnlich gut, aber solide. Erleichterung. Anerkennendes Kopfnicken der anwesenden Jugendlichen. Demonstratives Ausschütteln der Faust. Der Respekt ist spürbar. „Super. Können wir jetzt gehen?“ Ja, Lukas. Jetzt können wird gehen.

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