Wolfram Wuttke – ein Nachruf?

In der Grundschule fand ich es langweilig, zu vorgegebenen Stichworten wie „Bügeleisen“, „Lokomotive“ oder „Pudding“ einen Aufsatz zu schreiben – weshalb ich in Klassenarbeiten ständig nur über Fußballspiele des 1.FC Köln schrieb. Meine Lehrerin bestellte irgendwann sogar meine Eltern zum Gespräch und verbat es mir, auch nur noch ein einziges Mal über Fußball oder den FC zu schreiben. Außerdem stellte sie meine Eignung für das Gymnasium in Frage, mangelnde Konzentration aufs Wesentliche und so Bullshit halt, blabla – ich glaube, sie hieß sogar Bärbel! Eine typische Bärbel, ihr wisst, was das heißt!?!? Scheißfrisur, Brosche an der Bluse, zuviel Parfum, Urlaub an der Riviera. Naja, zurück zum „Wesentlichen“.

In der letzten Klassenarbeit der 4.Klasse sollte es sich entscheiden, ob ich irgendeine Fähigkeit für das Gymnasium hätte oder ob man mir meine nähere Zukunft genauso verbauen würde, wie all den anderen armen Schweinen auf dem Dorf. Natürlich mussten wir einen Aufsatz zu Stichworten wie „Traum“ und „Ritter“ schreiben und natürlich hatte ich auf so eine faschistoide Gleichschaltungslyrik keinen Bock – also erschuf ich mir meinen eigenen Ritter, Ritter „Wolfram Wuttke“, Klebebild Nummer 231 aus dem Panini-Sammelalbum, 1.FC Saarbrücken, Mittelfeld. Ritter Wuttke war eine echte Kampfsau, mäßig talentiert in der ganzen Ritterscheiße, aber topfit. ein echter Haudrauf und immer dort, wo es weh tat. Sein schöngeistiger Gegenüber (Ritter „Peter Senscheid“, FC Schalke 04), hatte nichteinmal den Hauch einer Chance und wurde von Wolle vermöbelt, bis sich Fuchs und Hase „Gute Nacht!“ sagten. Nach der ganzen Klopperei gab es für Ritter Wuttke eine Trophäe (rund, aus Silber, mit grünen Smaragden besetzt), ein Haufen Weiber und für mich die Versetzung ins Gymnasium.

Von diesem Moment an begleitete mich Wolfram Wuttke mein gesamtes Leben. Er war für mich das Sinnbild, dass ich jeden Scheiß erreichen könne, wenn ich nur dumm genug daher quatschte. Er brachte mich zum Abi, wurstelte mich völlig zugeballert durch das Studium und puschte mich in jeder Saisonvorbereitung meines Fußballvereins, indem er mir in den Konditionseinheiten in meiner Phantasie erschien und mir Schläge androhte, sollte ich das dämliche Arschloch vor mir nicht noch vor der Ziellinie einholen.

Einige Jahre nach meiner Versetzung ins Gymnasium wurde Peter Senscheid Sportinvalide – das war abzusehen nach dieser Tracht Prügel und für mich keine allzu große Überraschung. Nun ist Wolfram Wuttke gestorben und mit ihm auch ein Teil meiner Kindheit – zumindest der, der noch immer daran glaubte, irgendwann einmal Fußballprofi zu werden. Denn wenn schon die Idole aus der eigenen Jugend nicht mehr leben, wird es wohl bei einem selbst auch nichts mehr mit der Bundesligakarriere. Trotzdem: auch wenn ich das Handy nachts nun doch ausmachen werde, weil der Anruf vom Bundestrainer wohl nicht mehr kommen wird – Wolle wird mich auch weiterhin begleiten, als Erinnerung daran, dass man sich von keiner Bärbel der Welt den Schwachsinn auszutreiben lassen hat. Und dass ich das dämliche Arschloch vor mir gefälligst noch einholen muss!

Machs gut Wolle! Und Ätsch, Löw – bei der Nationalhymne hätte ich eh nicht mitgesungen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.