Im Abseits – eine Liebeserklärung an den Heidelberger Fußball

Erschienen in Kalle – Das Karlstorbahnhof-Magazin No.4 – Sommer 2015

Ein Spaziergang am Neckar, ein Ausflug auf das Schloss: Es fällt nicht schwer, sich in Heidelberg zu verlieben – in diese Stadt, deren jahrhundertealte Romantik scheinbar nicht einmal durch die Anwesenheit einer goldbemalten Pantomime mit Fahrradklingel getrübt werden kann. Eine Stadt, die so viel Muse versprüht, dass sie aus jedem Provinztouristen einen weltoffenen Gourmet macht, sobald er sich am Uniplatz nur einen Pizzafleischkäse reinschiebt. Und so scheint auch der Geist des intellektuellen und kulturellen Schmelztiegels in das Selbstverständnis eines jeden überzugehen, der hier irgendwann einmal ein halbes Semester Geologie auf Lehramt studiert und bei einer Studentenparty vom Balkon gekotzt hat.

Von all dieser Schöngeisterei der Aufklärung hingegen bleibt wenig übrig, wenn man sich dazu entschließt, sein Wochenende an einem jener Orte zu verbringen, die sich seit über 200 Jahren erfolgreich gegen Immanuel Kant gewehrt haben und deren ästhetischer Charme ein Fall für das Gesundheitsamt ist. Doch wer wie ich über mehrere Jahre hinweg Woche für Woche für seinen Fußballverein durch das Stadtgebiet tingelt, den verbindet mit der Zeit ein inniges, beinahe heimisches Gefühl mit den heruntergekommenen Spielstätten und den Vereinen des Heidelberger Amateurfußballs. Sie bilden einen Gegenpol zu der akademischen Etikette des Heidelberger Alltags, ja, sie sind geradezu ein Bollwerk gegen die intellektuelle Gentrifizierung. All diese Bolzplätze, von denen jeder seine eigene, beeindruckend-langweilige Geschichte erzählt und die sich in ihrer unprätentiösen Atmosphäre allesamt gleichen.

Hier heißen Männer noch Manfred statt Marvin, trinkt man zum Vorglühen Fanta-Rosé statt Aperol-Spritz und schildert sich Anekdoten, die derart hanebüchen daherkommen, dass sie wie verzweifelte Fluchtversuche aus der tristen Kreisklassenrealität anmuten. So über den alkoholkranken Altstar, der als aufstrebendes Jungtalent bei einem Probetraining angeblich einen Nationalspieler getunnelt hat und von diesem anschließend in die Sportinvalidität getreten wurde. Knie kaputt, Karriere aus, Traum vorbei – aber Pierre Littbarski getunnelt!

Das ist natürlich Unsinn. Jeder der Anwesenden weiß, dass es niemals ein Probetraining gab, weil der Schluckspecht vor dem wichtigsten Tag seiner Karriere einfach die ganze Nacht hindurch gezecht und das Training verschlafen hatte. Doch letztlich spielt es keine Rolle, wie die Geschichte tatsächlich verlaufen ist – die Umdeutung zum gescheiterten Helden ist mehr als nur der Versuch, für einen kurzen Moment ein paar Idioten zu beeindrucken. Sie ist die tragische Versinnbildlichung des sozialen Misserfolgs – und bietet so Anknüpfungspunkte für die Lebensgeschichte jedes Einzelnen, der irgendwann einmal von seiner eigenen Strandbar auf Lanzarote geträumt hat und sich nun hinter einem Würstchenstand im Hasenleißer wiederfindet. Und weil sich auf einem Sportplatz nahezu jeder zweite mit solch einer Geschichte identifizieren kann, beinhaltet sie auch eine einende Komponente. Etwas, dass ein Kollektivgefühl schafft und damit über den Sport hinaus den Menschen Halt gibt.

Natürlich geht es bei all dem Fußball auch um Fußball, klar. Aber was nach Jahren des stümperhaften Gekickes letztlich bleibt, sind nicht die Ergebnisse auf dem Platz, sondern all die Lebensgeschichten und Einzelschicksale am Spielfeldrand. Der Amateurfußball als Sinnbild zerbrochener Lebensträume – und in der Realität für nicht wenige auch der traurige Rest eines sozialen Netzwerks. Ich erinnere mich an einen älteren Mann, den ich kaum kannte, aber der nach jedem Heimspiel derart vertraut mit mir sprach, als hätten wir tags zuvor gerade einen gemeinschaftlichen Versicherungsbetrug begangen. Irgendwann kam er nicht mehr zu den Spielen, später erfuhr ich von der treuen Seele unseres Vereins, dass auf seiner Beerdigung ganze 3 Personen anwesend waren, allesamt Vereinsmitglieder. „Niemand aus seiner Familie?“ fragte ich. Ein überraschter Blick. „Wieso? Ich sagte doch: wir waren zu dritt dort.“ Dieser Satz. So übertrieben pathetisch und doch voller Ernsthaftigkeit vorgetragen. Das war so authentisch, dass mir schlecht wurde.

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