Kartoffeln, Brot und Spiele – alles nur harmloser Partypatriotismus?

Wer von euch kennt ihn nicht? Diesen nervigen Typen, der beim gemeinsamen Fußballschauen als einziger kein Deutschland-Trikot trägt, sondern sich demonstrativ ein Balotelli-T-Shirt angezogen hat, nun in eurem Wohnzimmer sitzt und euch im stümperhaftestem Touristen-italienisch verhöhnt? Diese ungewaschene Weltverbesserin, die sich einfach nicht darüber freuen kann, dass Wir Weltmeister geworden sind, sondern nur darauf wartet, euch in eine beeindruckend-langweilige Diskussion darüber verwickeln zu können, wer denn dieses Wir überhaupt sei? Dieser peinliche Bekannte, der zwar keine Lust hat, morgens arbeiten zu gehen, aber dafür Nacht für Nacht durch die Straßen schleicht und die Deutschland-Fähnchen von den Autos abreißt? All diese Nervensägen und Miesepeter, die im Zwei-Jahres-Rhytmus aus ihren verwahrlosten Antifa-WGs gekrochen kommen, nur um euch den kompletten Fußball-Sommer zu versauen? Klar, natürlich kennt ihr sie! Jeder kennt sie! Und – sagen wir mal so: Ich bin einer von ihnen.

Dabei ist es nicht gerade so, dass ich kein Interesse am Fußball hätte. Im Gegenteil: Zu Schulzeiten habe ich gerne mal den Nachmittagsunterricht geschwänzt, um auch wirklich kein einziges Gruppenspiel der Euro 1996 zu verpassen. Dänemark gegen die Türkei, 3 zu 0, stinklangweilig, beide ausgeschieden – aber ich habe es gesehen. Und auch jetzt, 20 Jahre später, gibt es für mich nur wenig schlimmere Vorstellungen, als einen kompletten Sommer ohne Fußball zu verbringen. Eine davon wäre, einen kompletten Sommer mit Fußball aber ohne eigenen Fernseher zu verbringen und darauf angewiesen zu sein, mir beim Public Viewing ein Plätzchen zwischen all jenen erkämpfen zu müssen, die ein nationalgeschwängertes Massenbesäufnis in lächerlicher Verkleidung und aufgemalten Deutschland-Fähnchen mit echter Fußballbegeisterung verwechseln. Es ist naheliegend, dass jemand wie ich dabei bestenfalls als Partycrasher durchgehen würde, der einfach nicht verstehen will, dass man nicht automatisch ein Nazi ist, nur weil man eine Frisur wie Marco Reuß trägt.

Spaß beiseite, natürlich mag ich Marco Reuß‘ Frisur! Und natürlich halluziniere ich nicht bei jedem Träger eines Axe-Fantrikots gleich eine völkisch-nationale Gesinnung herbei. Doch genau hierbei liegt auch das Problem. Denn dieser Fanmeilen-Party-Patriotismus kommt scheinbar derart harmlos und fröhlich daher, dass seine politischen Folgen gerne übersehen oder gar zu einem chancenreichen Erweckungsmoment im Umgang mit der eigenen Nation umgedeutet werden. Der Deutsche, der endlich eine Art positives Nationalbewusstsein entwickelt und den man auch mal kurz alleine lassen kann, um sich an der Bar ein neues Bier zu holen – ohne Angst zu haben, dass er gleich wieder einen Weltkrieg anzettelt. Doch es geht bei einem Fußballturnier mitnichten um ein friedliches Fest der Kulturen oder eine Art Völkerverständigung mit Abseits-Regel. Fußball ist ein Wettbewerbssport – und so wie die Mannschaften sich als Wir-Gemeinschaften definieren müssen, um in einem Wettkampf zu bestehen, so bildet sich auch in den Fanlagern eine Eigengruppe, die sich von einer Fremdgruppe abgrenzt – ganz egal, wie oft im Fernsehen Bilder von interkulturellen Liebespärchen im Stadion gezeigt werden. Dass dies allzu häufig mit einer Abwertung anderer Nationen einhergeht, zeigen die Reaktionen auf den Straßen wie auch in den sozialen Medien, wenn nach Niederlagen Euphorie schnell in Aggression umschlägt.

Dass die ganze Party-Atmosphäre auf den Fanmeilen eben doch nicht so locker-flockig und unverkrampft daherkommt wie ein Gummimensch auf Ecstasy zeigt aber nicht nur die Zunahme rassistischer Vorfälle während und im unmittelbaren Nachgang der vergangenen Weltmeisterschaft. Auch langfristig lässt sich im Zuge großer Fußballevents eine Festigung nationalistischer und fremdenfeindlicher Ressentiments feststellen, wie beispielsweise der Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer dargestellt hat. Dabei taucht ein bestimmtes Muster immer wieder auf: die Gleichsetzung des Narrativs eines Fußballturniers mit der tatsächlichen gesellschaftlichen und politischen Situation. Deutlich zu erkennen ist dies beispielsweise an dem stereotypen Bild des Italieners, das nach dem Halbfinalaus der deutschen Mannschaft gegen Italien 2006 in weiten Teilen der Gesellschaft plötzlich weitaus negativer konnotiert war als zuvor. Mag daher sein, dass die Welt 2006 für einen kurzen Moment tatsächlich einmal zu Gast bei Freunden war – spätestens mit dem Ausscheiden der deutschen Mannschaft war es damit aber wieder vorbei. Insofern war an all den Sommermärchen bislang vor allem eines märchenhaft: die Vorstellung, der Deutsche könne tatsächlich mal etwas sein, was der Deutsche niemals sein wird: nicht deutsch.

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