El Plastico

Veröffentlicht in „Kalle – Das Karlstormagazin“ / Herbst 2016

Beim wenig beachteten „El Plastico“, dem Auftaktspiel der TSG Hoffenheim gegen RB Leipzig vor der Traumkulisse von 24188 zum Teil zahlender Zuschauer, versuchten sich die Hoffenheimer Fans mit so etwas wie Selbstironie und insistierten mit selbstgebastelten Plakaten darauf, Deutschlands meist gehasster Verein zu sein. Heraus kamen dabei Glanzlichter fehlgeschlagener Orthographiebemühungen, die nicht einmal bei einem Poetry-Slam-Wettbewerb an der Pädagogischen Hochschule für Erheiterung sorgen würden: „Den Fußball zerstört nur einer – Hoffe und sonst keiner!“ oder „Grüße an die 4 Sky Zuschauer“. Ja. Witzig, witzig, eine Mark siebzig. Wir haben alle herzlich gelacht. Doch kommen wir einmal zum Faktencheck und der Frage: Was ist dran am Selbsthass der Hoffenheimer? Berechtigter Anspruch auf die goldene Mistkarre oder nur postpubertärer Kurven-Klamauk? Ein kritischer Blick auf vier Kernindikatoren bringt Licht ins Dunkeln.

Der Mäzen

Dietmar Hopp, der entgegen landläufiger Meinung keineswegs der Zögling eines Freudenmädchens ist, galt für viele lange Zeit als der unsympathischste Mensch der Welt seit dem Tod Saddam Husseins. Angesichts der Tatsache, dass sich Hopp regelmäßig in einem rosa Poloshirt auf der Ehrentribüne blicken ließ, war diese Annahme wohl auch berechtigt. Den Rang abgelaufen hat ihm mittlerweile jedoch der Österreicher Dietrich Mateschitz, über dessen Mutter man so gut wie gar nichts weiß und der mit seinem Engagement in so ziemlich allen Sportarten der Welt außer Zwergenweitwurf in den Fanszenen für ungefähr genau soviel Begeisterung sorgt, wie ein mittelschwerer Laborunfall bei BASF. Klarer Punkt für RB Leipzig.

Die Tradition

Ja, ja, ja. Den Turnverein Hoffenheim gibt es bereits seit 1899 und die Turn- und Sportgemeinschaft seit 1945. Aber ich, ihr, wir alle wissen: Niemand, wirklich absolut niemand, dessen Lieblingslektüre nicht die jährliche Ausgabe von „Fußball Regional“ ist, hat diesen Verein bis vor 10 Jahren gekannt. Der SSV Markranstädt, dessen Startrecht in der Oberliga Nordost einst von RB Leipzig übernommen wurde, hatte es vor und während des Dritten Reiches immerhin ein paar Mal bis in die oberste Spielklasse geschafft – daher Punkt für Hoffenheim.

Die Fankultur

Mit einem Zuschauerschnitt von gerade einmal 25.513 Zuschauern schaffte es die TSG Hoffenheim in der vergangenen Saison gerade noch so, vor den Aufsteigern Darmstadt und Ingolstadt zu landen, deren Stadionkapazität keine höhere Zuschauerzahl hergab. Damit dürfte selbst in der SAP-Kantine an einem gewöhnlichen Mittwoch Vormittag eine ausgelassenere Stimmung herrschen als in der Wirsol-Arena. Trotzdem: Mit einem äußerst pragmatischen Demokratieverständnis der Vereinsführung, welches eine Zahl von ganzen 17 Vereinsmitgliedern zur Folge hat kann RB Leipzig hier klar punkten.

Das Finanzgebahren

Sicher – lange Zeit galt es in Hoffenheim zum guten Ton, einen jährlichen Millionenverlust dadurch auszugleichen, dass Dietmar Hopp über Nacht eine Schubkarre voll Geld vor die Geschäftsstelle fährt. Doch erstens schaffen dies mittlerweile auch Vereine, die ansonsten wirklich zu überhaupt nichts in der Lage sind – wie der HSV – und zweitens sind diese Zeiten zum Leidwesen jedes halbwegs unseriösen Spielerberaters mittlerweile vorbei. Kevin Vogt, Lukas Rupp, Ádám Szalai – die Neueinkäufe der TSG liest sich wie der Wunschzettel von Andreas Rettig beim SC Freiburg. Bei RB Leipzig wechselte hingegen alleine Naby Keita für die symbolische Summe von 15 Millionen Euro vom Farmteam aus Salzburg nach Ostdeutschland. Geschätzte Transferausgaben von insgesamt fast 50 Millionen Euro machen Leipzig auch hier zum klaren Punktsieger.

Fazit: Im Kraichgau wird man sich damit abfinden müssen, dass sich der fußballinteressierte Hitzkopf künftig mehr und mehr anderen Themen zuwenden wird, als den Familienverhältnissen Dietmar Hopps. Die öffentliche Wahrnehmung Hoffenheims passt sich zunehmend dem sportlichen Erscheinungsbild des Vereins an – und dieses kann derzeit noch nicht einmal mit Tim Wieses Wrestling-Karriere mithalten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.