Tag 1 – Euskirchen’s Law

Merke: Alles, was in und um Euskirchen schief gehen kann, wird auch schief gehen. Auf dieser Stadt liegt ein Fluch. Ein Fluch, der verhindert, dass man als Linker dort jemals politischen Erfolg haben kann. Was wahrscheinlich auch der Grund ist, warum DIE LINKE Euskirchen einer der
kleinsten Kreisverbände im gesamten Bundesland ist und sich nicht mal Flyer für den Wahlkreiskandidaten leisten kann („Nee, hing mer kin Geld vör!“).

Dass wir – das sind meine Tourpartnerin Manuela und ich – schon bei der Einfahrt in das Stadtgebiet geblitzt wurden – geschenkt. Dass unserer Lautsprecheranlage essentielle Bestandteile zum Befestigen auf dem Dach des Busses abhanden gekommen waren – ärgerlich. Dass sich die Gasflasche für die Heliumballons nicht ansatzweise öffnen ließ – verkraftbar. Aber dass nach kurzer Zeit an unserem Infostand in der Fußgängerzone ein Vertreter der Öffentlichen Ordnung eintraf und uns darauf hinwies, dass das Verteilen von Flyern im Stadtgebiet aus Gründen der Müllvermeidung nicht gestattet sei, führte unsere gesamte Organisationsplanung ad absurdum. Man kann sich dann natürlich einfach hinter den Infotisch stellen und darauf hoffen, dass interessierte Bürger von sich aus den Weg zu einem finden und von sich aus nach Infomaterial fragen. Sowas passiert aber nicht. Sowas passiert nie. Der einzige Grund, warum dann jemand zu einem Infostand der Linken kommt besteht darin, uns zu beschimpfen. Was an sich nicht weiter schlimm ist, schließlich bin ich es nach 13 Jahren Parteimitgliedschaft gewohnt, mich in den unterschiedlichsten Formen beschimpfen zu lassen. Schlimm wird es jedoch, wenn man aufgrund des ausgefeilten Dialektes kein, wirklich kein einziges Wort seines Gegenübers versteht und für das Verständnis auf die Übersetzungen des Kreisvorsitzenden angewiesen ist („Er hat gesagt: ‚Du bist ein Idiot!’“). Das wirkt dann ein wenig irre bis grenzdebil und so war es unser Glück, dass im selben Zeitraum zwei junge, uniformierte Mormone „im Auftrag des Herrn Jesu“ in der Fußgängerzone Euskirchen unterwegs waren und gekonnt die Aufmerksamkeit der schaulustigen Passanten auf sich zogen.

Am späten Nachmittag schafften wir es dann doch noch, die Lautsprecheranlage provisorisch mit diversen Hilfsmitteln auf dem Dach zu befestigten – auch wenn wir dabei den Lack des Mietwagens ordentlich zerkratzten was reibungslos klappte. Bei der anschließenden Lautsprecherfahrt durch Euskirchen merkte man, dass ein Großteil der Bevölkerung noch nicht allzu oft lebende Linke in freier Wildbahn gesehen hatte. Wir fühlten uns ein wenig wie Entwicklungshelfer und hätten uns nicht gewundert, wenn hinter dem Bus enthusiastisch Kinder hinterhergerannt wären. Trotzdem oder gerade deswegen zähle ich die nachmittägliche Werbetour zur Kategorie „ordentlich“ bis „gut“. Die Lautsprecheransagen vom KreissprecherFranz-Josef Mörsch im rheinischen Dialekt wirkten authentisch und bei den örtlichen Jugendlichen sorgte unsere musikalische Beschallung für spontane Bounce-Einlagen. Jetzt dürften sie wohl kapiert haben, dass wir die Coolen sind und nicht die Computerzocker mit den lustigen Plakaten.

Für die Übernachtung nebst Rundumversorgung sorgten dann Franz-Josef nebst Gattin in ihrem idylisch gelegenen Landhaus im Euskirchener Umland. Natur, Landluft und Internet – bei dem Gedanken an die kommenden Stationen blicke ich schon jetzt wehmütig zurück. Ein bisschen habe ich mich dann doch in Euskirchen verliebt.

So ein Blödsinn. Pathetisch Übertreiben muss ich jetzt ja auch nicht gleich. Aber schön wars trotzdem. Mal sehen, was die nächsten Tage bringen.

Matthias aus der Wahlkampfzentrale in Berlin beim Vorführen der Lautsprecheranlage („Ihr kriegt das schon hin!“)
Alltägliches Wahlkampfhinderniss rund um Euskirchen

Ein Gedanke zu „Tag 1 – Euskirchen’s Law

  1. Lieber Christoph,

    nicht „Nee, hing mer kin Geld vör“ sondern „Nee, han mer ke Jeld für“, denn wir hängen hier nicht.
    Liebe Grüße aus Euskirchen.

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