Tag 3 – Die Konkurrenz

Wahrscheinlich ist Bonn die langweiligste Stadt der Welt. Vermutlich war sie das auch schon vor dem Regierungswechsel nach Berlin und vermutlich wird sie das auf absehbare Zeit auch bleiben. Die Innenstadt ist ungefähr so spannend wie ein Besuch in der Kantine des VW-Konzerns in Wolfsburg und nach Anblick der Randbezirke empfindet man selbst eine Sendung wie die „Lindenstraße“ als Bereicherung des öffentlich-rechtlichen Vorabendprogramms. Doch wenn man zuvor knapp 150 Kilometer im Schritttempo durch den ländlichen Rhein-Erft-Kreis gefahren ist, kommt man sich bei der Stadteinfahrt Bonns vor wie ein Bauernlümmel bei einem Ausflug nach New York. Mehrspurige Straßen, Stau und Halteverbote. Wahnsinn.

Bei dem anschließenden Infostand vor einem Einkaufszentrum trafen wir dann auch erstmals auf die politische Konkurrenz: SPD, FDP, Grüne, CDU – alle mit Infoständen (Tisch, Sonnenschirm) anwesend. Solche Begegnungen unter Wahlkämpfern verschiedener Parteien laufen eigentlich im ganzen Bundesgebiet gleich ab: Zunächst wird sich kurz beäugt, anschließend gibt es schlechte Witze. „Na, ich dachte, ihr hättet euch schon aufgelöst.“ gibt’s von der SPD zu hören. „Platz machen für soziale Gerechtigkeit!“ ruft man den Grünen zu, wenn man mit dem Sonnenschirm an ihnen vorbei will. Und alle fragen die FDP, wenn sie ihren Stand als erste wieder abbauen: „Ihr gebt auf? Naja, der Wille zählt! Immerhin habt ihr es versucht!“

Das alles ist nicht sonderlich lustig, trotzdem lacht jeder. Es ist ein bisschen wie bei Witzen unter Mathematik-Studenten: Für Außenstehende wirkt es unheimlich peinlich, aber die Betroffenen haben durch die Außenwelt bereits eine derartige Ablehnung erfahren, dass sie sich untereinander verbunden fühlen. Für einen kurzen Moment verschwinden dann die politischen Unterschiede und man gibt sich gegenseitig das Gefühl, zu den Coolen zu gehören. Gott sei Dank waren die Piraten nicht auch noch da.

Doch genug des Großstadtgehabes! Gegen Nachmittag ging es wieder aufs Land, zum Frühlingsfest in Meckenheim, auf dem wir in Reminiszenz an den abends zuvor verstorbenen Adam Yauch mit Musik der Beastie Boys über die Lautsprecheranlage einfuhren. Und auch in Meckenheim gab es einen Hauch der ganz großen Politik zu spüren, als sich die Kandidaten der verschiedenen Parteien auf der zentralen Bühne zu einer Podiumsdiskussion einfanden, wo wir auch unseren Direktkandidaten Peter Eßer wiedertrafen. Die Diskussion tröpfelte mehr oder weniger behäbig vor sich hin, zu hören gab es die üblichen Floskeln („Da bin ich ganz bei Ihnen!“) und die Stimmung glich dem eines Bingospiels im örtlichen Seniorenstift. Als man jedoch kaum noch damit rechnete, kam es doch noch zu tumultartigen Szenen. Gerade hatte der Moderator den Vertreter der Piraten nach Formen transparenter Politik, Liquid Democracy und Bürgerbeteiligung befragt, da konnte die Vetreterin der Freien Wähler, Ursula Schröpf, nicht mehr an sich halten: „Kein Verständnis“ habe sie für den Erfolg der Piraten, schließlich werde das Thema „Bürgerbeteiligung“ bei den Freien Wählern schon lange „ganz groß geschrieben und ganz modern angegangen“. Man habe bereits seit knapp 5 Jahren, also „schon lange vor dem Aufkommen der Piraten eine eigene Homepage“ und bereits seit „knapp 2 Jahren auch eine eMail-Adresse, an welche man mir Fragen und Vorschläge auf den Computer schicken kann. Wir sind also beim Thema ‚Bürgerbeteiligung‘ ganz vorne mit dabei!“. Willkommen im 21.Jahrhundert. Man hat in solchen Momenten ein wenig Mitleid mit den Freien Wählern

In Peter Esser hatte ich anschließend noch einen Leidensgenossen gefunden und verfolgte mit ihm vor dem Radio unseres Wahlkampfbusses noch die letzten Minuten jenes Kölner Trauerspiels, das mich mit einer Mischung aus Wut und Fassungslosigkeit zurückließ. Unfassbar. Der fünfte Abstieg in 14 Jahren. Sie hatten es schon wieder verbockt! Was sollte also der Abend anderes bringen, als eine fatalistische Frustbewältigung, die mich am nächsten Morgen verkatert und mit viel zu wenig Schlaf erwachen ließ.

Die Attraktion auf dem Frühlingsfest in Meckenheim: Ein viel zu kleines Pferd (links im Bild)
Der Moderator der Podiumsdiskussion: Ein drei Meter großer Clown.

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